Neu? Oder nicht neu?

Auch das zuverlässigste aller Autos braucht irgendwann ein bisschen Aufmerksamkeit.comp_comp_SAM_1649aReparaturen stehen an. „Günstig“ wird es auch nicht. Was nun? Reparieren? Weg damit?

„Ob sich das noch lohnt?“

Die Worte des Gesellen hallen wie ein Echo in der gähnenden Leere meines Kopfes. Ich schaue durch die leicht milchigen Plastikscheiben des Werkstatttors nach draußen. Es regnet. Klar ist Harald nicht zu erkennen, das Wasser auf den Plastikscheiben lassen seine Form leicht verschwimmen. Trotzdem weiß ich, dass er dort steht. Rot, eckig, dreckig. Und bisher echt zuverlässig. Bisher. „Wir könnten ja anfangen Teile zu tauschen. Aber wo die Ursache des Fehlers liegt… das kann ich leider nicht sagen. Der taucht ja nur sporadisch auf“ Ich höre gar nicht richtig hin. In meinem Kopf schwirren die anderen fünf Worte immer noch hin und her. „Ob sich das noch lohnt?“ Ich verabschiede mich dankend beim Gesellen und setze mich in den Wagen. Ich drehe am Zündschlüssel. Der Diesel startet. Ich lege einen Gang ein und fahre los.

Ich weiß. Es ist Meckern auf hohem Niveau. Vor über einem Jahr begann ich das graue comp_comp_SAM_0794aLeben eines Pendlers mit einer Strecke von 250 Kilometern am Tag. Für mich stand fest. Ich brauche einen Diesel. Ich kam, fuhr und kaufte. Für wenig Geld wurde ich Besitzer eines alten, roten Golf Variant. Ich hatte auf einmal Diesel im Blut. Das kam nicht bei allen gut an. Einige Blogleser schrieben mich an, dass sich ein Diesel niemals lohnen würde, weil er viel zu hohe Kosten bürge und ich nach einem Jahr Insolvenz anmelden könnte. Mein Vater verstand die Welt nicht mehr, dass ich „so eine alte Mühle mit über 200 000 km auf der Uhr“ zum Pendeln gekauft hätte. Das Ding würde nur von zwölf bis Mittag halten. Der Golf 7 als Jahreswagen wäre doch viel besser gewesen…

Ein paar Kleinigkeiten hatte er mal. Die Fassung eines Rücklichts saß mal nicht richtig und ließ ein paar Bremslichtbirnen durchbrennen. Der Motortemperaturfühler ging auch mal kaputt. Der Neue kostete 17,50€. Konnte ich verkraften. Nach dreißigtausend Kilometern fing ich an, den roten Kombi doch irgendwie zu mögen und verglich ihn mit einem treuen Dackel. Ich redete mir eigentlich noch ein, dass ich das Auto überhaupt nicht mochte, aber eigentlich gehörte er schon zur Familie. Er tat das, was ich wollte. Sparsam und zuverlässig fahren. Harald heißt er seitdem.

„Ob sich das noch lohnt?“

Ich drehe am abgegriffenen Lenkrad. Er ist halt nicht mehr der Jüngste. Es ist knapp ein Jahr seit dem Kauf vergangen. Als ich „Harald“ bei mir aufnahm, zeigte sein Kilometerzähler irgendwo etwas bei 209 000 Kilometer an, inzwischen kratzt er an der 260 000 Kilometergrenze. Er fährt und fährt und… Auch in der Unterhaltung erwies sich „Harald“ als so genügsam, dass ich sogar noch Geld für die anderen Mitglieder im Fuhrpark übrig habe. Und nun? Nun ist er selbst ein wenig krank. „Wir sind da bestimmt bei nachher gut 2000€ Reparaturenkosten, wenn du ihn wieder so richtig fit haben willst.“ Ich bin verwirrt.

Eigentlich fing alles damit an, dass ich (wie jeden Morgen) nach Hamburg fahren wollte. Haralds Kraftwerk nagelte zufrieden vor sich hin. Bei N-Joy erzählten sie etwas vom „Mittelfingermittwoch“ und, dass an diesem Tag ja die meisten Missgeschicke passieren comp_comp_SAM_1788awürden. Udo Lindenberg stimmte ein. „Einer muss den Job ja machen.“ Ich setzte zum Überholen eines Brummies an und trat das Gaspedal voll durch. Der TDI zog an, ich setzte den Blinker und fuhr auf die Überholspur. „Bitte keine halben Sachen!“ In dem Moment, in dem der Panikrocker diese Worte über seine Lippen brachte, fühlte es sich so an, als wäre ich in eine große Schlüssel Wackelpudding gefahren. Harald ging auf einmal die Puste aus. Leistung? Weg! Mit 120 km/h fädelte ich mich vor dem LKW wieder ein. Ich trat noch einmal das Gaspedal voll durch. Es passierte nichts. „Scheiße. Turbolader hin.“ war mein erster Gedanke. Ich verließ die Autobahn lieber. Nach Hamburg fuhr ich an diesem Tag mit meinem Volvo V40.

Ich fahre weiter in Richtung Deich. Ich möchte ein paar Meter laufen. Ich fühle mich unsicher, ob ich „Harald“ behalten oder weggeben sollte. Ich trete das Gaspedal durch. Der Selbstzünder unter der Haube zieht fleißig an. Kein Wunder, im Moment ist er ja auch nicht im Notlauf. „Ladedruck Regelgrenze überschritten“ konnte ich am Abend des Pannenmittwochs noch auslesen. Der Luftmassenmesser ist es nicht. Die gemessene Luftmasse war höher als die errechnete. Der nette Geselle aus dem Landhandel mit angeschlossener KFZ-Werkstatt hatte noch einen funktionierenden, gebrauchten Luftmassenmesser liegen. Wir tauschten. Trotzdem ging Harald manchmal die Puste aus. Nächster Verdacht war das AGR-Ventil (schöne Grüße nach Bayern!), das ich dann probehalber stilllegte. Es schien auch zu klappen. Eine Vollgasfahrt über die Autobahn machte „Harald“ nichts aus. Bis ich auf der Landstraße einen Trecker überholte. Wieder Notlauf. Spaß ist etwas anderes.

Ich parke auf dem Grasparkplatz vor dem Deich und stelle den Motor aus. Ruhe. Ich höre nur ein paar Möwen kreischen und ein paar Schafe blöken. Der Notlauf ist nicht das einzige Problem meines roten Arbeitstiers. Das Zweimassenschwungrad lässt das Auto comp_comp_SAM_1148amanchmal im Stand vibrieren. Nicht immer und lustigerweise nur, wenn der Motor kalt ist, aber das tut es halt und es sollte das eigentlich nicht tun. Es hat sich zwar auf den letzten fünfzigtausend Kilometern noch nicht verschlimmert, aber gemacht werden sollte es. Irgendwann. Auch die Kupplung ist nicht mehr das Gelbe vom Ei. Im Berufsverkehr von Hamburg rutscht sie schon manchmal durch. Aber gut, wenn ein Auto 260 000 Kilometer auf dem Tacho hat und auch noch mit der ersten Kupplung fährt, darf die Kupplung wohl auch so langsam mal durchrutschen. Ich schließe den Wagen ab und gehe in Richtung Treppe.

Die hölzernen Stufen unter meinen Sohlen haben schon bessere Tage gesehen. Einige wurden auch schon ausgetauscht. Bessere Tage hat mein Golf auch schon gesehen. Aber gut. Die Kilometer, die Jahre… und ich bin auch schon der dritte Besitzer. Die optische comp_comp_sam_4870abcPflege habe ich hier und da auch mal ein wenig schleifen lassen. Technisch ist er ja bis auf die bisher aufgezählten Kleinigkeiten ja auch fit. Wenn man die Querlenker, die zur nächsten Hauptuntersuchung neu müssten, mal außer Acht lässt. Und den verölten Ansaugtrakt. Und den Kabelbruch in der Heckklappe, der die Nummernschildbeleuchtung nicht mehr leuchten lässt. Und so ein paar Sachen, die im Innenraum auch nicht mehr so richtig funktionieren. Einmal ist auch der eine Außenspiegel abgefallen. Das werde ich bald noch einmal extra erzählen.

Ich stehe auf dem Deich. Es ist kein Wasser da. Nur Watt. Ich atme einmal tief die salzige Luft ein. Ich hänge ja nicht wirklich an „Harald“. Ich hänge ja auch nicht an meinem Kühlschrank. Er ist halt da und tut das, was er soll. Mich möglichst günstig von A nach B bringen. Und bisher ja auch zuverlässig. Bis zur nächsten HU ist noch etwas Zeit. Fahre ich ihn nun auf und schaue nach einem anderen Gebrauchtwagen? Der vielleicht die selben Macken bekommt? Lease ich einen Neuwagen? Und lebe mit Leasingraten zusätzlich zu den Spritkosten? Oder repariere ich ihn und hoffe, dass er noch einige Jahre hält? Autos kaufen hasse ich ja wie die Pest. Aber auch unnütz Geld versenken.

Ich bin bestimmt nicht der einzige Autobesitzer, der gerade so denkt. Was mit Harald passiert? Ich weiß es noch nicht. Wir werden sehen. Und fahren.

Zur Not halt erst einmal im Notlauf.

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Über larsdithmarschen

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
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10 Antworten zu Neu? Oder nicht neu?

  1. Michi Liese schreibt:

    Moin

    Notlauf beim TDI kommt öfter vor, Ursache ist sehr selten der Turbo, nur wechseln Werkstätten diesen gerne als erstes weil es ja die meisten €€€€ in die Kasse spült…..

    Zuerst prüft man die Unterdruckschläuche der Ladedruckregelung + AGR auf Beschädigungen, oder besser man nimmt ein paar € in die Hand und erneuert diese per Selfmade.

    VTG per Spritzentest prüfen, oder einfachmal mit Vollgas über die AB blasen um den Russ raus zu pusten, bei Sparsamfahrern reicht das oft

    N75 kann Ursache sein, kostet nicht die Welt

    Unterdruckrohr von der Tandempumpe zum BKV reisst gerne von unten ein, und dann reicht der Unterdruck für die Ladedruckregelung nicht immer aus

    AGR könnte hängen, am besten per Blech verschließen

    Jetzt kannste anfangen das abzuarbeiten, TDI sind kein Hexenwerk…

    • larsdithmarschen schreibt:

      Hey Michi,

      vielen Dank für deine Tipps und Erklärungen!

      Ich habe ja inzwischen schon angefangen ein wenig zu schrauben (Geschichte folgt!). Die gemessene Luftmasse ist mit dem neuen (gebrauchten) Luftmassenmesser immer noch zu hoch. Falschluft scheint er aber nicht zu ziehen.

      Das AGR-Ventil ist momentan abgeklemmt. In dem Unterdruckschlauch steckt eine Schraube. Das schien es ja auch erst zu sein. Bis der Wagen wieder in den Notlauf fiel. Ich habe noch von „Heißklemmern“ und klemmenden VTG-Gestängen gelesen, die ähnliche Symptome hervorgerufen haben.

      Ich werde die Liste mal zusammen mit einem guten Schrauberkumpel abarbeiten. Ich bin auch echt gespannt darauf, die Technik zu „erschrauben“ und zu verstehen.

      Echt vielen Dank dafür! Falls du mal an der Nordsee bist… Bier oder Fischbrötchen sind dir sicher! 🙂

      Schöne Grüße
      Lars

  2. turboseize schreibt:

    2000 Euro geschätzte Instandsetzungskosten? Ich hätte da was für Dich, das kann da locker mithalten…

    • larsdithmarschen schreibt:

      2000€ inklusive Werkstattkosten, versteht sich ;-). Ohne ist es weitaus weniger. Da bewegen wir uns um dreistelligen Bereich an Materialkosten. Deshalb die Überlegung es selbst zu erschrauben. Weil… was bekommt man für einen kaputten Wagen? Nicht viel.

  3. realrayman schreibt:

    Blöd ist, dass egal welche Entscheidung du triffst, die Kosten nicht unerheblich sein werden. Ich würde anfangen, einen neuen Daily Driver zu suchen und dabei auf einen guten Zustand achten, um vergangene Schwachpunkte auszuschließen. Und weil das dauern wird, würde ich so lang den alten Wagen fahren, wie es eben geht. Ich glaube, den Anfang zu machen ist entscheidend. Vielleicht ergibt sich ja auch die ein oder andere Geschichte aus der Suche 🙂

    • larsdithmarschen schreibt:

      Hey Rayman!

      Vielen Dank für den Kommentar! 🙂

      Recht hast du. Geld wird es so oder so kosten. Die Schwachpunkte sind bei meinem Auto ja erst nach einem Jahr und 50 000 Kilometer gekommen. Könnte beim nächsten „Dailydriver“ genauso werden. Aber mal sehen…

      …nächste Woche steuere ich mal ein paar Autohäuser an ;-).

      Schöne Grüße
      Lars

  4. Michi Liese schreibt:

    Moin Lars

    Auch mit einem neueren Auto wird es nur kurzfristig (Bis zum Ablauf der Garantie/Gewährleistung bei teurem Händlerkauf) besser werden, nur wenn dann was kaputt geht wird es noch teurer, und da ist es egal von welcher Marke dein Wunschkandidat kommt

    Deinen PD TDI kann man relativ günstig am laufen halten, vor allem wenn man selber schraubt, was bei dir ja kein Problem darstellen sollte, und da du genug Ersatzfahrzeuge stehen hast kannste ja im Notfall da drauf zurück greifen.

    Du solltest als erstes mal in VCDS investieren, wenn du das hier kaufst:

    http://shop.dieselschrauber.de/

    dann bekommste hier entsprechenden Support:

    https://community.dieselschrauber.de/

    Ich bin da in 2005 gelandet als ich meinen ersten TDI erworben habe, und entsprechende Propleme mit gekauft habe, VCDS habe ich mir aber erst letzten Herbst geleistet, mit 2 Kumpeln zusammen und da halten sich die Kosten in Grenzen…..gibt aber auch andere Anbieter dafür

    Ich halte den AFN meiner Nachbarin am laufen, der hat letztes Jahr die 500tkm geknackt, die fährt täglich runde 200km drauf, günstiger kann man nicht fahren, nur Werkstätten sollte man meiden, da ist fast jede Kleinigkeit ein wirtschaftlicher Totalschaden

    Mein ZMS im Passat 35i hat vom Kauf bei 270tkm bis zum Verkauf bei 530tkm ab und an vibriert……gibt schlimmeres

    Gruss Michi

    • larsdithmarschen schreibt:

      Hey Michi,

      vielen Dank für den Kommentar!

      Ein Diagnosesystem (extra für VAG-Fahrzeuge) habe ich sogar. Könnte sein, dass es ähnlich ist wie das VCDS. Ich werde mich da mal reinlesen.

      Auch vielen Dank für den Tipp mit den Dieselschraubern. Da werde ich mich nachher gleich einmal anmelden. Denn wie du sagst – günstiger kann ich meine 50 000 Alltagskilometer ja kaum bewältigen. Wahrscheinlich ist es der richtige Schritt, um meinem Golf noch ein langes Leben bei mir zu gönnen. Mich interessiert auch total, wie die Technik dort denn nun genau funktioniert.

      Was fährst du denn momentan für einen TDI? Eigentlich habe ich zum Pendeln einen Passat 35i gesucht. Leider habe ich keinen guten damals gefunden. Dann wurde es mein „Harald“. Und… ich bin zufrieden!

      Das Zweimassenschwungrad vibriert auch nur ab und zu. Mal recht heftig, dann wochenlang wieder gar nicht. Ich werde damit noch warten.

      Schöne Grüße – und nochmals vielen Dank (Ein Fischbrötchen ist dir sicher! 😉 )

      Lars

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