Halbgraue Tage.

Es gibt helle Tage und schwarze Tage. Also wird es auch graue Tage geben.

comp_comp_SAM_9857abEs gibt so Tage, an denen die Trauer da ist, aber die Fröhlichkeit überwiegt.

Schwarze Tage. Jeder kennt sie. Einige meinen sie zu kennen, obwohl sie eigentlich gar nicht schwarz waren, sondern eher grau. Weil das Positive mit dem Negativen zu gleichen Anteilen vorhanden ist. Vor ein paar Tagen, so dachte ich, hätte ich einen schwarzen, tiefschwarzen Tag erlebt. Wie jeder normale Autofreak habe ich mich an das Steuer meines Autos gesetzt, um meine Gedanken zu verarbeiten.

Ein doofer Tag. Aber ein Tag, der vorhersehbar war. Ich drehe den Autoschlüssel meines Volvos im Schloss, lege einen Gang ein und setze mich in Bewegung. Das Radio spielt nur traurige Musik. Genauso als ich mit dem Auto auf der Autobahn unterwegs war und eigentlich wusste, dass dieser Tag ein schwarzer Tag werden würde. Nicht, dass ich schon traurig genug war, nein. Es spielte auch noch traurige Musik. Da war ich ziemlich fertig. „Fertig“ soll man aber kein Auto fahren. Ich hab das Radio ausgemacht. Danach war es still.

Genauso still wie jetzt. Von vorne brummt der Motor, unten rollen die Reifen über die schlechte Straße. Bessere Zeiten. Die Straße hatte auch schon einmal bessere Zeiten gesehen. Ich denke an bessere Zeiten. Das war Spaß. Lachen. Viel gelacht haben wir. Ich mag gerade nicht lachen. Im Gegenteil. Ich muss fast weinen. Meine Hand zittert, als ich in den nächsten Gang schalte. Man sollte so kein Auto fahren, ich weiß. Aber Autofahren hilft mir. Nein, nicht Auto fahren. Meinen Volvo fahren.

Es gab Zeiten, da dachte ich, dass sie schwarz wären. Aber das waren sie nicht. comp_comp_SAM_9613Eigentlich waren sie nur grau. Das ist mir irgendwann bewusst geworden und die Tage wurden hell. Da hat mir dieser langweilige, schwarze Kombi doch echt geholfen. Ich bin oft mit ihm durch die Gegend gefahren und habe nachgedacht. Zu Hause dann noch an Elsa geschraubt. Irgendwann ging es mir besser. Volvo-Therapie. Diesen Tag empfinde ich aber als schwarz. Irgendwie ist mir übel.

Ich denke immer wieder an dieses Lachen. Es war ansteckend. Je mehr ich darüber nachdenke, desto besser geht es mir. Lachen. Lachen ist gesund. Das haben wir immer gesagt. Ist es das? Ich glaube schon. Lachen hilft. Selbst, wenn man nicht lachen möchte. Mein Körper versucht mit Lachen gegen die Tränen zu kämpfen. Es ist nicht leicht. Es ist gar nicht leicht. Es scheint mir endgültig. Aber ist es das?

Die Sonne scheint am Himmel. Ein gutes Zeichen. Oh happy day. Nein, eigentlich nicht. Aber irgendetwas sagt mir, dass es doch so ist. Nur das zu verstehen ist schwer. Es ist windstill. Ungewöhnlich für die Nordseeküste. Ein paar Wolken sind am Himmel. Sie weinen. Aber eigentlich ist das Wetter schön. Ein schöner Tag. Ein schwarzer Tag. Ein schöner schwarzer Tag? Nein, das geht nicht.

Ich mache das Radio wieder an. Ich möchte Ablenkung. Don’t stop me now. Das richtige Lied. Es gibt Motivation. Es gibt mir Motivation. Manchmal zumindest. Es klappt aber. Ich freue mich nicht auf die nächsten Tage. Bis zur Trauerfeier. Mir ist übel, wenn ich daran denke. Liebe. Liebe ist schön. Aber auch grausam.

Aber die Tage vor diesem gefühlten schwarzen Tag waren schön. Das waren fast durchgängig helle Tage. Lachen. Lachen ist wichtig. Liebe. Liebe ist auch wichtig. Eigentlich sollte ich mich an Liebe und Lachen erinnern. An vergangene Liebe und vergangenes Lachen. An ein riesengroßes Herz erinnern, dass einem immer wieder Mut zugesprochen hat. Egal, wie hirnrissig die Idee war. Mut. Unterstützung. Wichtig. Mir ist schwindelig. Ich halte an. Ich muss weinen. Nicht unbedingt vor Trauer. Sondern vor Dankbarkeit. Dankbarkeit ist auch wichtig. Aber selten. Danke.

Dieser Tag ist kein schwarzer Tag. Er ist ein grauer Tag. Die schönen Erinnerungen teilen sich mit der Trauer diesen Tag. Glaube ich. Ich brauche frische Luft. Ich steigecomp_comp_SAM_9505 aus. Ich atme frische Nordseeluft ein. Diese Luft ist gesund. Ich hasse Abgase. Diese Luft gibt Kraft. Ich hasse Stadtluft. Ich freue mich über das Lachen der Möwen. Lachen, da ist es wieder. Ich lehne mich gegen meinen Kombi und schaue einfach nur. Wunderschön. Die Wolken verziehen sich. Ein Schwarm Vögel schreckt auf und fliegt lachend in Richtung Sonnenuntergang. Bilderbuch. Fantasiewelten. Nordsee. Schön. Lachen. Mut. Ehrgeiz. Wichtig. Spaß.

Ich muss weinen. Endgültigkeit? Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht. Es geht weiter. comp_comp_SAM_5099Es muss weiter gehen. Es wird. Lachen. Spaß. Mut. Ich fasse an das erwärmte Blech meines Autos und freue mich. Halt. Geborgenheit. Von einem Auto? Verrückt. Normal. Nordsee. Liebe. Lachen. Spaß. Ich muss lachen. Ich muss vor Trauer lachen? Nein. Ich muss vor Lachen weinen. Freude. Spaß. Mut. Liebe. Ich fühle alles auf einmal. Ich freue mich. Ich schaue auf die Sonne und die Nordsee. Dies ist kein schwarzer Tag. Dies ist kein grauer Tag. Dies ist aber auch kein heller Tag. Es ist ein halbgrauer Tag. Fröhlichkeit. Lachen. Dankbarkeit. Aber auch Trauer. Klar. Natürlich Trauer. Aber Erinnerungen. Zurückschauen ist auch wichtig. Erinnerungen an Liebe, Lachen, Spaß. Gute Zeiten. Lehrreiche Zeiten.

Ich setze mich gut gelaunt, nicht zittrig und voller Freude wieder hinter das Steuer meines Autos und fahre los. Ich starte den Motor wieder, denn es geht immer weiter. comp_comp_SAM_2834Es wird. Natürlich. Mit schwarzen und grauen und halbgrauen und hellen Tagen. Aber es geht weiter. Mit Höhen und mit Tiefen. Es wird traurige Tage geben. Und Glückliche. Perfekte Tage und schier aussichtslose Tage. Humor hilft. Ehrgeiz. Optimismus. Eigene Meinung. Lachen. Spaß. Liebe.

Ich fahre wieder nach Hause. Dithmarschen. Heimat. Der Motor brummt ruhig, das Radio spielt fröhliche Musik. Manchmal muss ich noch kurz schlucken. Aber ich bin dankbar. Dankbar für alles. Der Wagen schnurrt, die Straßen fühlen sich glatter an als zuvor. Ich denke an die Trauerfeier und mir wird übel. Ich denke an die schöne Zeit und mir wird es warm ums Herz. Sehr warm. Mir wird mehr warm als übel. Optimismus.

Auch in schweren Zeiten das Positive zu sehen, Lachen, Spaß und Humor haben. Auf der eigenen Meinung beruhen und sich nicht beeinflussen lassen. Das hast du mir alles beigebracht, Oma. Bei Null neu anfangen. Liebe. Ein großes Herz. Das hattest du. Und ich bin dir dankbar, dass ich es jeden Tag spüren durfte.

Du bist bei mir, das spüre ich. Wenn ich lache. Danke, Oma.

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Über larsdithmarschen

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
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14 Antworten zu Halbgraue Tage.

  1. marcrudin schreibt:

    wunderbar geschrieben Lars! Wünsche Dir viel Kraft!
    Grüsse
    Marc

  2. autobildblogger schreibt:

    Ach Lars,
    du junger, verrückter Typ 😦 Genau solche Gedanken, solche kleinen Schnipsel sind es, die mir dann auch einen Kloß im Hals machen. Ich glaube, weil ich weiß, was in dir vorgeht.
    Hebe dir das Lachen auf, und wenn gerade traurige Zeiten sind dann weine. Trauern bedeutet auch, weinen zu können. Denn es IST traurig. Wahnsinnig traurig, leer, und ungewohnt. Also weine. Weine laut und lange. Und du wirst immer wieder mal traurig sein, wenn du an sie denkst. Weil sie dir fehlt. Aber sie ist ein Teil von dir, und sie wird ihre Spuren in dieser Welt hinterlassen haben. Vielleicht kennst nur du sie. Aber ohne sie wärest du ein anderer, also ist sie immer da.
    Guck ab und an nach oben, da ist sie und passt auf dich auf.
    Wir sehen uns Donnerstag.
    Jens

    • larsdithmarschen schreibt:

      Hey Jens,
      vielen Dank für deinen netten Kommentar!

      Die Trauerfeier ist schon vorbei. Da musste ich weinen. Ich habe sie ja jeden Tag besucht, ich merke schon, dass etwas fehlt. Klar habe ich geweint. Aber eigentlich muss ich dankbar dafür sein, dass ich Oma noch so lange hatte. Und das bin ich :-). All die schönen Jahre, die ich ganz bewusst genossen habe. Und in all den schönen Jahren haben wir immer gelacht. Was gibt es da Schöneres?

      Schöne Grüße und bis Donnerstag
      Lars

  3. spidersnoopy schreibt:

    Mein Beileid ! Behalte die guten Erinnerungen !

  4. spidersnoopy schreibt:

    Auf genau dem Parkplatz am Deich stand ich vor drei Jahren 🙂 Ich muss mal ein Bild suchen…

  5. spidersnoopy schreibt:

    Ja in dem Jahr waren wir in Kropp und haben eine Nordsee- und eine Ostseetour gemacht. Kurz vorher sind wir durch den Ort mit den vielen Störchen und Storchennestern gefahren.

    • larsdithmarschen schreibt:

      War der Ort vielleicht Windbergen? In Dithmarschen? Der Parkplatz da ist auf jeden Fall in der „Nähe“ meines Wohnortes. Ich wohne ja aber eher zwischen Büsum und St. Peter-Ording :-).

  6. Pingback: Alte Autohinterlassenschaften und anderer Tüdelkram | Ein Leben mit Benzin im Blut

  7. Pingback: Kein besonderes Ziel. | Watt'n Schrauber.

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